Zugspitz Ultratrail 2022

Ich habe mich im Dezember 2021 für den Supertrail XL (82 km, 3.700 hm) angemeldet,  ich liebe die lange Distanz und die Herausforderung. Meine längste zurückgelegte Strecke bis dahin waren 64 km zum Südthüringentrail in Suhl. Der Supertrail XL sollte die neue Herausforderung für mich werden. Mit den deutschen Meisterschaften im Ultralaufen, welche in diesem Jahr auf den Supertrail XL gefallen sind, wurde es gleich noch attraktiver. Ich habe mir einen sehr ambitionierten Trainingsplan herausgesucht, der eigentlich für die 108 km an Deutschlands höchstem Berg gedacht ist. Am 29.3. habe ich voller Elan mit dem 16-wöchigen Trainingsplan begonnen, er beinhaltete ca. neun bis zwölf Stunden Lauftraining pro Woche, nur Montag war Ruhetag. Unzählige Stunden Dehnen, Blackroll, Stabi-Übungen etc. vervollständigten das Training. 

Die ersten Wochen verliefen sehr gut und ich konnte ohne Probleme trainieren. Den ersten Härtetest hatte ich im April zum Bleilochultra geplant. Der Lauf lief wie geplant, ich war sehr zufrieden und merkte schon, dass der Trainingsplan fruchtet. Im Mai lief ich dann den Rennsteig-Marathon. Anderer Lauf, gleiches sehr gutes Gefühl. Den letzten Peak vor dem ZUT wollte ich beim Schneekopf XL setzen, was mir auch gelungen ist. Jetzt kamen die ersten Gedanken vielleicht doch auf die Ultradistanz zu wechseln. Diese Gedanken ließen mich nicht mehr los und ich wechselte eine Woche vor dem Start auf die 108 km.

 

Nun stand ich am Samstag, den 16.07. um 7:10 Uhr, in Garmisch an der Startlinie inmitten von Gleichgesinnten, deren Blicke genauso aufgeregt waren wie meine. Eine Zeit hatte ich nicht wirklich im Kopf, es war ja schließlich mein Debüt. Weder eine solche Distanz noch diese Höhenmeter bin ich jemals zuvor am Stück gelaufen. Ziel war ganz klar das Finish!!! 

 

Ich habe auf den ersten Kilometern mein Tempo gesucht und mich ganz locker eingeordnet, nur nicht überpacen! Das Streckenprofil war der Hammer, auf die ersten 73 km ging es eigentlich nur steil nach oben oder steil nach unten. Ein normales Laufen wie man es aus dem Training kennt, war die Ausnahme. Also war km 73 mein eigenes Zwischenziel. Danach waren zwar immer noch 35 km und ca. 1.200 hm zu absolvieren, aber das Gelände war nicht mehr ausschließlich alpin. Der erste Downhill am Jägersteig war der Horror und die erste Schlüsselszene für mich. Das Rennen war noch jung, alle hatten noch Kraft und sind dementsprechend schnell in den Downhill gegangen. 

Ich hatte Probleme das Tempo mitzugehen und wurde von einigen überholt, bin einmal fast gestürzt und zweimal leicht umgeknickt. Ich dachte, den Lauf so niemals zu finishen und passte das Tempo und die Risikobereitschaft bei den folgenden Downhills an. Ab km 30 wurde es dann echt hart, die Sonne hatte Kraft, Schatten war Fehlanzeige. Zweite Schlüsselszene bei km 42 - eine Frau saß am Streckenrand und sagte, ich wäre 82. Platz. Mit einer solchen Platzierung hatte ich nicht gerechnet, es spornte mich enorm an, diese vielleicht sogar halten zu können. Die Kilometer purzelten recht langsam auf der Uhr und es wurde immer anstrengender. Nach dem letzten langen und steilen Downhill konnte ich erst einmal durchatmen und war mir ziemlich sicher, jetzt auch ins Ziel zu kommen. Ich lief gute 25 km mit Andre aus Neustadt (Orla), dessen Dialekt mir auf der Strecke auffiel und wir uns so kennenlernten. Wir nannten uns scherzhaft den Thüringenexpress, pushten uns gegenseitig und es war abwechslungsreich sich mal zu unterhalten. Ganz nebenbei machten wir Platz um Platz gut. Meine Frau, die nach ihrem 50 km Basetrail XL schon im Ziel war, meldete mir Dank Liveticker kontinuierlich meine Platzierung, was ich auf meiner Uhr angezeigt bekam. Das trieb uns beide dann nochmal richtig an. Andre musste bei km 98 abreißen lassen und ich lief allein weiter durch die völlige Dunkelheit.

Dritte Schlüsselszene - die 100 km Marke auf der Uhr, allein im Dunkeln schrie ich laut „Jawoll!“ und freute mich wie ein kleines Kind. Ich hätte am liebsten angehalten und den Lauf beendet, aber das Ziel und die Medaille sollten nun auch noch sein. Den letzten Anstieg zu V10 und den langen nochmal echt steilen Downhill nach Garmisch lief ich einfach mit Genuss. Die Ziellinie überquerte ich überglücklich um 0:37 Uhr. Ich habe als 59. von 650 Startern gefinished. Meine Uhr zeigte am Ende 108 km, 5.496 hm in 17:27 h an. Es ist einfach nur Wahnsinn, was ein Körper im Stande ist zu leisten.

 

Rocco Hartung (SV Motor Königsee e.V.)

 

 

Text und Bilder: Rocco Hartung

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Kommentare: 1
  • #1

    Jürgen (Montag, 12 September 2022 23:52)

    DANKE für den Ultrabeitrag - ZUT gefinisht - was kommt dann? Bitte wieder Deine Erlebnisse hier teilen!